Personen in Meeting diskutieren Inhalte auf Laptop-Screen, auf dem Tisch liegt Büromaterial, verschiedene Prozentangaben in Bildvordergrund

Zukunft braucht interdisziplinären Weitblick – Interview mit Lars Thomsen

Die 2020er Jahre werden tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen. Wie kein anderer weiß das Lars Thomsen, einer der weltweit führenden Zukunftsforscher. Im Januar 2021 und ab März hält er im Rahmen der Veranstaltungsreihe VDI-Forum Digitale Transformation einige Vorträge und gibt spannende Einblicke, welche Veränderungen dies sein werden. Im folgenden Gespräch mit der Redaktion VDI Karlsruhe spricht er unter anderem über seine Arbeit als Zukunftsforscher und die Notwendigkeit, gerade mit Studierenden zu sprechen. Dazu zeigt er Möglichkeiten auf, individuell aktiv werden und den eigenen Weg in die Zukunft aller möglichen Bereiche zu finden.

Ein Studium generale ist viel wichtiger als gedacht – Zukunftsforscher Lars Thomsen im Interview

Schönen guten Tag Herr Thomsen, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen! Nach dem ersten Vortrag am Mittwoch, den 13. Januar 2021, dürfen wir noch ein paar weitere Vorträge von Ihnen beim VDI-Forum Digitale Transformation erleben. Wie kam es denn zur Vortragsreihe?

Lars Thomsen: Sehr gern. Genau genommen sind es zwei Dinge, die hier zusammengekommen sind. Zum einen knüpfe ich an meinen ersten Vortrag vor zwei Jahren an, zum anderen stehen Professor Simon und ich schon seit geraumer Zeit in Kontakt, auch über den Rahmen des VDI-Forums hinaus. Professor Simon hat dann die Verbindung mit #LecturesforFuture aufgetan und angeregt, ob wir in Verbindung mit dem Thema Zukunftsforschung nicht auch Studierende und Interessierte daran teilhaben lassen wollen.

Diese Gelegenheit freut mich sehr, weil ich persönlich auch das Konzept eines Studium generale unterstütze. Im Studium sollte man möglichst keine Scheuklappen tragen, die den Fokus allein auf die vorgeschriebenen Inhalte lenken, sondern auch nach links und rechts schauen. Deshalb habe ich auch keinen Moment gezögert: Für mich war klar, das mache ich auf jeden Fall. Außerdem ist es auch für mich selbst eine gute Herausforderung und ein wenig Abwechslung, da meine Arbeit sich in der Regel auf Unternehmen konzentriert.

Wie sieht Ihre „reguläre Arbeit“ in der Zukunftsforschung denn aus?

Lars Thomsen: Bei der future matters AG helfen wir verschiedenen Unternehmen und Industrien, zukünftige Chancen und Potenziale möglichst frühzeitig zu erkennen, sich auf die Entwicklungen vorzubereiten und sie zu nutzen. In unseren Prognosen befassen wir uns immer mit den nächsten zehn Jahren und welche relevanten Entwicklungen sich darin ergeben werden. Insofern bin ich recht wenig in den Bereichen Forschung und Lehre unterwegs. Zwar halte ich hier und da einen Vortrag, das allerdings sporadisch und immer „nur“ als Gast.

Aufgrund der aktuellen Corona-Maßnahmen wird natürlich weniger gereist und viele Veranstaltungen werden dann mit virtuellen Vorträgen durchgeführt. Das vereinfacht natürlich den Gesamtaufwand deutlich. Zudem mache ich daraus keinen Hehl: bei future matters unterstützen wir auch die Ideen von Fridays for Future, schon allein deswegen, weil wir mit einer größeren Langfristigkeit denken und arbeiten. Letztendlich betrifft das jedoch alle Bereiche: in welchem man sich auch konkret bewegt, man benötigt einfach einen gewissen Überbau. Dieses umfassende Bild muss man sich erst erarbeiten. Und das bringt mich wieder zu den Vorträgen: Das, was in den nächsten zehn bis 20 Jahren auf uns zukommt, geht uns alle an, da sollte jeder und jede Bescheid wissen. Umso besser passt das zum Thema Zukunftsforschung und diese Vortragsreihe zu den LecturesForFuture.

Die Entwicklungen der nächsten zehn Jahre betreffen uns alle

Als einer der weltweit führenden Zukunftsforscher und -forscherinnen sind Sie als Speaker sehr gefragt. Wie würden Sie den Schnittpunkt aus Wissensvermittlung – etwa in Vorträgen an Hochschulen – und der Zukunftsforschung kurz beschreiben?

Lars Thomsen: Grundsätzlich spielt der eigene Fachbereich zunächst keine Rolle, ob nun Maschinenbau, Physik oder auch Psychologie: Es muss darum gehen, sich eben ein umfassendes Bild zu schaffen – über mehrere, wenn nicht sogar alle relevanten Bereiche hinweg. Das wird immer wichtiger und noch mehr, wenn wir uns die nächsten zehn bis 20 Jahre einmal genauer ansehen.

Diesen Überbau sollten sich besonders die Menschen aneignen, die sich im Studium an einer Hochschule oder an einer Universität befinden: Da kommen viele Veränderungen auf uns zu, gerade in den nächsten zehn Jahren. Mit diesen Veränderungen gilt es umzugehen, und dazu sollte jeder und jede einen Überblick haben.

Die ersten Vortragsthemen beim VDI-Forum Digitale Transformation – wie etwa für den kommenden 27. Januar 2021 – stehen ja bereits fest. Welche Themen planen Sie für Ihre Vorträge ab März / Sommersemester 2021?

Lars Thomsen: Grundsätzlich sollen die Vorträge nach dem Januar fortgesetzt werden, und dabei werde ich einigen Themen ins Auge fassen, die ich auch beim ersten Vortrag kurz skizziert habe. Mit diesen Vorträgen nehme ich es zur Gelegenheit, über Dinge zu berichten, die wir auch bei future matters betrachten. Sowohl mittel- als auch langfristig werden sich viele Chancen ergeben, die in allen möglichen Bereichen hohe Relevanz gewinnen werden. Das sind verschiedenste Chancen, die sich erst ergeben werden – ob nun für Leute, die Gründungen anstreben, die Welt verändern wollen, sich in Unternehmen engagieren wollen, oder dafür sorgen wollen, dass unsere Welt im Jahre 2050 auch noch schön und lebenswert ist.

Die kommenden Veränderungen sind grundlegender denn je

In einem früheren Interview haben Sie unterstrichen, wie wichtig Ihnen der Austausch mit denen ist, die in der Zukunft leben und diese gestalten werden. Durch die bereits erwähnten Corona-Maßnahmen scheint vieles jedoch eher still zu stehen. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Lars Thomsen: Momentan stelle ich vor allen Dingen fest, dass die Menschen sehr stark gegenwartsorientiert leben. Das zeigt sich an vielen Kleinigkeiten: Wir checken mehrfach am Tag die Schlagzeilen, schauen ständig auf unsere Smartphones, lesen und schreiben Nachrichten und so weiter. Wir verfolgen tagesaktuelle Themen wie dieses Hin und Her im Weißen Haus, ob es doch noch einen Rücktritt oder ein Impeachment geben würde et cetera. Insgesamt ist dieses Leben mit einem starken Fokus und der klaren Gegenwartsorientierung schön und gut.

Aber: Wir befinden uns jetzt am Anfang der 2020er Jahre, und in den kommenden Jahren wird sich mehr Grundlegendes verändern als jemals zuvor. Diese fundamentalen Veränderungen sind gerade für diejenigen relevant, die langfristig denken und planen. Man könnte auch sagen, dass das eine richtig positive Zeit ist für die Menschen, die sich mit Veränderungen wohlfühlen und darin aufgehen. Wer hingegen eher vorsichtig ist oder auch einfach Angst davor hat, für den oder die ist diese Zeit nur schwierig zu bewältigen.

Sie erwähnten vorhin, dass Sie bei future matters vor allem die nächsten zehn Jahre im Auge haben und die massiven Veränderungen vorberechnen, die in diesem Zeitraum passieren werden. Können Sie uns dazu noch ein wenig mehr sagen?

Lars Thomsen: Zunächst einmal sind zehn Jahre keine lange Zeit. Wenn wir jetzt von zehn Jahren sprechen und diese auch ein wenig planen wollen, dann ist es hilfreich, eher in Wochen als in Jahren zu sprechen. Das hat den einfachen Grund, dass sich das besser herunterbrechen und in Maßnahmenpläne ummünzen lässt. Es wird griffiger und die Wortwahl allein schon verbessert das Verständnis und die Frage, wie Prognosen wahrgenommen werden können. Um es also so auszudrücken: Es sind nun weniger als 500 Wochen bis zu den 2030er Jahren. In dieser Zeit erwarten uns massive Veränderungen in einer Vielzahl von Bereichen, sei es nun in Sachen Mobilität, bei der Energie, beim zunehmenden Einsatz von Robotik, wie sich die Medizin und die Gesellschaft verändern werden, wie wir finanzielle und auch zeitliche Ressourcen umschichten und so weiter.

Das ist mir immens wichtig: Wir müssen diese Zeit nutzen, anstatt uns von Woche zu Woche zu hangeln. Es geht jetzt nicht darum, uns vor allem darüber Gedanken zu machen, ob ein Lockdown kommt, ob er verlängert wird, mit welchen Maßnahmen er verschärft wird und so weiter. Es gilt, diese Zeit zu nutzen, größere Schemata zu begreifen und die Zusammenhänge zu verstehen, die mittel- und langfristig ganz entscheidende Auswirkungen haben werden.

Ein besseres Verständnis von Veränderung und Innovation

Was ist Ihre Perspektive auf diese Veränderungen, den dahinterstehenden Innovationen und ihren – teilweise fundamentalen – Einfluss auf unser Leben?

Lars Thomsen: In dieser Hinsicht vertrete ich eine optimistische Haltung. Wir Menschen haben unsere Kreativität und Innovationskraft in der Vergangenheit in der Regel dazu genutzt, das Leben einfacher zu gestalten und einzelne Aspekte Schritt für Schritt zu verbessern. Natürlich gibt es auch immer die, die sagen: „Früher war alles besser“ – was so allerdings einfach falsch ist. Gehen wir einmal 5.000 Jahre zurück. Da haben wir in Höhlen gelebt und hatten jeden Tag sehr grundlegende Existenzängste. Da stellte sich eher die Frage, wie wir den Winter überleben, oder ob von einem anderen Stamm eine große Gefahr ausgeht. Können oder müssen wir sie ausschalten oder schalten sie uns aus? Gleichzeitig hatten wir auch da schon innovative Ansätze und Fragen, wie etwa: Kann Feuer vielleicht auch nicht nur bedrohlich sein, sondern vielleicht auch nützlich? Oder: Diese kahlen Wände können wir doch für Malereien nutzen – ob nun zum Verschönern oder für die Informationsweitergabe. Oder auch: Wie können wir denn den Eingang verschließen und besser schützen? Letztendlich war das doch die Erfindung der Tür.

Innovationen entstehen vor allem, um unser Leben schöner zu machen. Zum gleichen Zweck haben wir viele große Konzepte und Ideen geschaffen, ob nun Demokratie, Mitbestimmung oder Bildung. Umso weniger verstehe ich persönlich diese Aussage: „Es soll sich nichts verändern“. Wenn wir Innovationen erschaffen, dann sollen diese in der Regel dazu dienen, Dinge (noch) besser zu machen. Schon vom Prinzip her ist das doch eine gute Sache. Es ist auch klar, dass es auch die gibt, die einfach immer noch größere Bombe bauen wollen oder ähnliches, aber das ist nicht die Regel.

Es liegt in unserem Interesse, das Potenzial von Innovationen zu nutzen. Auch ganz konkret bedeutet das für Deutschland und Europa insgesamt: Die Zeit der 2020er Jahre dürfen wir nicht nur als Zuschauerinnen und Zuschauer verstreichen lassen und sehen, was beispielsweise in Kalifornien und China passiert, sondern in das Umfeld einsteigen und nach vorne gehen. Die ganze Welt geht nach vorne, und das schließt uns selbstverständlich mit ein.

Lieber Herr Thomsen, vielen herzlichen Dank für dieses faszinierende Gespräch und die zahlreichen Tipps und Einblicke, die Sie uns schon bis jetzt gegeben haben! Wir setzen das Interview in einem zweiten Teil fort: Dieser erscheint am Montag, den 25. Januar 2021 ebenfalls hier auf unserem Blog.

Das Interview mit Lars Thomsen führte die Redaktion des VDI Karlsruhe. Über welche Themen Lars Thomsen in der Vortragsreihe sprechen wird, ist auf dieser Seite nachzulesen: VDI-Forum Digitale Transformation – Einblicke in die Zukunftsforschung.

Die Reihe wird im März 2021 fortgesetzt, die Vorträge sind per Livestream zu verfolgen und stehen anschließend weiterhin auf YouTube zur Verfügung.

Über Lars Thomsen

Zukunftsforscher Lars Thomsen
Lars Thomsen ist einer der weltweit führenden Experten der Zukunftsforschung. In seiner Vortragsreihe im VDI-Forum Digitale Transformation gibt er spannende Einblicke in die Veränderungen und Chancen der Zukunft und betont die Notwendigkeit eines Studium generale. (Bild: © Lars Thomsen | future matters AG)

Lars Thomsen ist ausgewiesener Experte für Zukunft der Energie, Mobilität und Künstliche Intelligenz. Er gründete bereits mit 22 Jahren seine erste Beratungsfirma, die sich mit Zukunftsstrategien und zukunftsfähigen Geschäftsmodellen für Unternehmen, Institutionen und regierungsnahe Stellen in Europa beschäftigte. 2001 gründete er die future matters AG in Zürich, in der rund ein Dutzend der progressivsten Zukunftsexperten in Europa zusammenarbeiten. Als einer der weltweit führenden Zukunftsforscher legt er besonders hohen Wert auf aktives Netzwerken, internationalen Austausch, ausgiebige Explorationen und Forschungsreisen überall auf der Welt.

Im Rahmen seines ersten Vortrages haben wir bereits ein Doppelinterview mit Lars Thomsen geführt. Wenn Sie das Gespräch nachlesen möchten, gelangen Sie hier zu Teil Eins: 2030: Was die kommenden 600 Wochen bringen werden.

 

(Coverbild: © SFIO CRACHO | stock.adobe.com)

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