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Besuch beim Vordenker der Industrie 4.0

Die Veranstaltung zum „VDI-TrendForum“, organisiert vom VDI Bezirksverein Karlsruhe und vom VDI Landesverband Baden-Württemberg bei SEW Eurodrive, diskutiert „Autonome Systeme“ und fordert mehr Informatiker.

2. Event beim VDI-TrendForum BW 2019: Vorträge und Einblicke in die Fabrik der Zukunft

Wie sieht die Fabrik der Zukunft aus? Sicher so oder so ähnlich wie jetzt schon die Elektronik-Fertigung bei SEW Eurodrive in Bruchsal. Selbstfahrende Transportwagen gleiten wie von Geisterhand gesteuert durch die Halle und bringen neue Bauteile zu den Fertigungsinseln, in denen die Mitarbeiter Steuerelemente für Elektromotoren montieren. Die Fahrzeuge – Mobile Assistance Systems (Mobile Assistenz-Systeme) genannt – sind aber nicht nur reine Transporteure, sie sind auch Ausdruck eines über die Abläufe geschalteten „Gehirns“ – dem „Dirigenten der Wertschöpfung“. Denn die in der Umsetzung befindliche Vision lautet: Softwaresysteme, die unter anderem eine Maschine-zu-Maschine-Kommunikation ermöglichen, führen dazu, dass der Auftrag quasi eigenständig den Weg durch die Fabrik findet. Durch alle Stationen, vom Wareneingang bis zum Versand.

2011 hörte ich zum ersten Mal bei einem Vortrag auf der Hannover Messe vom digitalen Wandel durch die Industrie 4.0 … Seither haben wir uns im Grunde neu erfunden.
Johann Soder

Soder ist Geschäftsführer Technik (COO) beim Bruchsaler Spezialisten für Antriebstechnologie. Seit den 1970er Jahren arbeitet er schon für die Firma, die heute weltweit unter anderem in 15 Produktions- und 80 Montagewerken mehr als 19.000 Mitarbeiter beschäftigt. Inzwischen gilt er auch als einer der maßgeblichen Vordenker in Sachen Industrie 4.0 in Deutschland.

SEW Eurodrive: Perfekte Bühne zur Diskussion über Autonome Systeme

Dr. Helmut Schäfer im Vortrag. (Bild: © VDI Karlsruhe)

Daher ist es naheliegend, eine Veranstaltung zum Thema „Autonome Systeme“ bei SEW Eurodrive und mit Johann Soder als Gastredner durchzuführen. Dem VDI Bezirksverein Karlsruhe und dem VDI Landesverband Baden-Württemberg ist dies bei einem „VDI-TrendForum“ im Juli gelungen. „Wir sind sehr dankbar, dass wir bei SEW zu Gast sein können“, erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Kalrsruher VDI Bezirksvereins, Dr. Helmut Schäfer, zu Beginn. Vor Ort erlebten rund 100 Teilnehmer, darunter Ingenieure und Informatiker, eine Werksführung durch die Elektronikfertigung von SEW Eurodrive sowie Vorträge. Außerdem verfolgten zahlreiche Zuschauer die Veranstaltung per Livestream im Internet. Das Forum in Bruchsal war Teil einer Veranstaltungsreihe, die in den kommenden Monaten weitere aktuelle technische Trendthemen behandelt.

Mit diesem Format gehen wir neue, zeitgemäße Wege.
– Dr. Helmut Schäfer

Soder ging in seinen Darlegungen durchaus in die technische Tiefe, so unter anderem in Bezug auf die Mobilen Assistenz-Systeme von SEW. Diese fahren mittlerweile nicht nur durch die eigenen Werkshallen, sondern stellen ein neues Geschäftsfeld des Unternehmens dar. „Sie sind aufgebaut wie bei einem Baukasten, durch den wir in der Lage sind, sehr schnell kundspezifische Lösungen für die unterschiedlichsten Branchen zu realisieren“, beschrieb der COO. Die Fahrzeuge können neben Transportaufgaben beispielsweise auch noch Montage- sowie Hebeaufgaben übernehmen. Zudem basieren sie unter anderem auf elektrischen Antrieben mit einer berührungslosen Energieversorgung über einen Luftspalt. „Das ist ein mechatronisches System, das unterschiedlichste Technologien vereint“, so Soder weiter. Die Energieübertragung erfolge mit 140 Kilohertz (kHz), bei tieferen Frequenzen bestehe die Gefahr der Entzündung des Fahrzeugs.

Gastredner geben tiefgehende Einblicke in den Stand der Forschung

Als weiterer Gastredner zeigte der Robotik-Experte Prof. Dr. Rüdiger Dillmann den gegenwärtigen Stand der Roboterforschung auf. So werde an der Übertragung von Hirnmodellen in virtuelle Roboter gearbeitet. „Es werden bereits Chips gebaut, mit denen man eine Million Neuronen verschalten kann“, erklärte der Professor vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Allerdings: Beim Menschen kommunizieren ständig mehr als 85 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) miteinander. Auch Dillmann gab tiefergehende Einblicke, so als er in der abschließenden Diskussion darauf hinwies, dass die Software für Roboter über Jahrzehnte entsteht. „Es gibt also historisch gesehen sehr viele unterschiedlich gewachsene Ebenen.“ Dafür gebe es kein übergreifendes Verifikationsverfahren. „Man kann nicht mit einem Codegenerator die Software alle zwei Jahre neu generieren, da machen die Kunden nicht mit.“

Johann Soder von SEW Eurodrive im Vortrag. (Bild: © VDI Karlsruhe)

„Deutschland braucht mehr Informatiker“

Johann Soder forderte zudem größere Anstrengungen in der Ausbildung von Informatikern. Denn: „Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Software.“ Deutsche Unternehmen beherrschten die industriellen Prozesse, Maschinen und Anlagen, erklärte er. Aber um die vielfältigen Herausforderungen aus der Digitalisierung stemmen zu können, brauche Deutschland mehr Informatiker. „Ich werde oft gefragt, ob Deutschland etwa gegenüber den US-Amerikanern nicht der Verlierer der Industrie 4.0 sei“, so Soder weiter. „Das bisschen nach oben werden wir aber auch noch hinkriegen, wenn wir die jungen Leute in die richtige Richtung führen. Das ist machbar. Aber lassen Sie uns dafür kämpfen, dass Bildung in Deutschland Bestand hat.“

Zudem trat Soder Befürchtungen entgegen, der Mensch werde durch die Maschinen ersetzt. „Es kommt darauf an, Mensch und Technik mit Industrie 4.0 intelligent zu kombinieren. Schon in den 1980er Jahren hieß es, in der Fabrik der Zukunft gibt es nur noch den Direktor und den Pförtner – das ist nie passiert, im Gegenteil, es ist weiter aufwärts gegangen mit neuen Technologien.“ Wie weit die Kombination Mensch-Maschine bei SEW Eurodrive bereits vorangeschritten ist, zeigte sich bei der Werksführung auch anhand der Frage eines Teilnehmers: „Wie schaffen Sie es, die Halle so sauber zu halten? Staub würde Ihre Technik doch arg beeinträchtigen.“ Natürlich ist Sauberkeit weiterhin Aufgabe der Mitarbeiter und von professionellen Reinigungskräften – aber auch in diesem Bereich assistieren die Roboter bereits. Regelmäßig nehmen die Transportwagen in der Fabrik auch Behältnisse mit Müll auf und bringen sie huckepack zu Entsorgungsstellen, für den Laien wie von Geisterhand gesteuert.

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