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520 Wochen sind (k)eine lange Zeit – Interview mit Lars Thomsen

Die Zukunft lässt sich noch formen – und folgt doch berechenbaren Mustern, die es zu lesen gilt. Lars Thomsen, einer der weltweit führenden Zukunftsforscher, spricht dazu im Rahmen des VDI-Forums Digitalisierung und gewährt einen Einblick in die nahe Zukunft. Dazu hat die Redaktion des VDI ihm einige Fragen gestellt. Im ersten Teil des Interviews ging zunächst unter anderem um Künstliche Intelligenz und seine Perspektive auf disruptive Technologien. Im folgenden zweiten Teil gibt er weitere Beispiele und macht auf eindrückliche Weise deutlich: Die nächsten 520 Wochen werden wirklich wie im Flug vergehen.

Persönliche Assistenten, naive Ängste und die Dynamik hinter Erfindungen

Herr Thomsen, Ihr Vortrag bei der Veranstaltung des VDI-Forums am Mittwoch, den 23. Januar 2019, trägt den Titel „520 Wochen“. Worauf begründen Sie Ihre Prognosen für einen so langen Zeitraum?

Ob 520 Wochen nun ein langer oder ein kurzer Zeitraum sind, muss wohl jeder für sich beurteilen. Die kommenden zehn Jahre – 520 kurze Wochen – sind jedenfalls aus meiner Perspektive für uns alle relevant, da die meisten von uns in dieser Zeit leben werden. Auf der anderen Seite ist es schlicht und ergreifend notwendig, Szenarien und Ausblicke auf unsere Zukunft zu erstellen. Der häufig zu hörende Ausspruch, dass die Zukunft nicht vorhersehbar sei, ist falsch und letzten Endes einer Resignation gleichzusetzen, so als wäre die Zukunft ein Schicksal, das einfach ertragen müsse. Innovatoren, Erfinder und Menschen mit Gestaltungswillen sehen das ganz anders. Die Menschen in meinem Fokus hingegen haben das Bedürfnis, die Zukunft zu gestalten und aktiv zu beeinflussen, auch für andere, und zwar fast ausnahmslos im positiven Sinne.

Der Schlüssel zur Zukunftsprognose besteht darin, die Dynamiken, die unterliegenden Technologien und Logiken hinter einem Trend zu verstehen. Und zahlreiche Entwicklungen folgen keinem linearen, sondern einem exponentiellen Wachstumsschema. Wir kennen das vom Mooreschen Gesetz: Wenn sich die Rechenleistung beispielsweise jedes Jahr verdoppelt, so hat man zehn Jahre später die tausendfache Rechenleistung. Dann stellt sich automatisch die nächste Frage: Was können wir mit einer 1000-fachen Rechenleistung im Vergleich zu heute anfangen? Wenn man diese Überlegung mit ein bisschen Fantasie und Kreativität kombiniert, dann entstehen durchaus vorstellbare Prognosen.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Nehmen wir zum Beispiel das Auto: Mit einer weiteren Vertausendfachung der Rechenleistung im Kreuz wird es in zehn Jahren dann wohl locker selbst fahren können. Doch auch die Sensorik macht enorme Fortschritte. Nimmt man mehrere Faktoren wie Rechenleistung, Sensorik, künstliche Intelligenz und Vernetzung zusammen, so wird in der Analyse deutlich, dass das Auto bereits ab 2024 selbstständig besser fahren können wird kann als der durchschnittliche menschliche Fahrer.

Durch ein komplexes Verständnis von Entwicklungen werden so recht genaue Prognosen möglich. Diese bieten auch für die beteiligten Akteure eine Orientierung und eine Diskussions- und Entscheidungsgrundlage. Durch eine kontinuierliche Anpassung der Prognose durch neue Entwicklungen entsteht dabei ein belastbares Zukunftsmodell.

Hierzu vielleicht eine stereotype Frage, die jedoch wohl immer auch ein bisschen mitschwingt: Was antworten Sie auf die Existenzangst vieler Menschen, die mit diesen Technologien einhergeht?

Das ist eine valide Frage, und doch ist sie nicht konstruktiv. Eine Innovation wird in der Regel dann erfolgreich, wenn mit ihr ein Problem einfacher, günstiger oder besser gelöst werden kann, als dies zuvor möglich war. Darauf zu hoffen, dass eine Innovation nicht kommt, weil sie die Existenz von arbeitenden Menschen gefährdet, ist sogar historisch und volkswirtschaftlich gesehen naiv. Trotzdem müssen der Übergang und die Veränderung der Arbeit sozialpolitisch aktiv begleitet werden. Nicht nur unsere Bildungs-, Sozial- und Steuersysteme ändern sich, sondern sogar grundlegende Werte von Menschen und Gesellschaft.

Aber die Geschichte zeigt: Bedenken oder Existenzangst waren nie ein Show-Stopper für Durchbruchsinnovationen. Nehmen wir die Entdeckung und Erforschung der Radioaktivität als Beispiel: Natürlich kann ein Teil dieser Technologie destruktiv eingesetzt werden, aber in anderen Anwendungen (zum Beispiel Medizintechnik) sehr konstruktiv. Es obliegt der Gesellschaft, einer Technologie Räume zuzuweisen, in denen sie sich produktiv entfalten kann und darf.

Zum anderen muss man auch sehen, dass der Mensch seit jeher neue Technologien erfunden hat, die das Leben erheblich verändert haben. Nehmen wir nur das Streichholz als Erfindung: Der normale Mensch hat daraufhin verlernt, auf die „alte Art“ selbst Feuer zu machen, also durch das Reiben von Holz an Steinen. Wir werden später einmal unseren Kindern davon erzählen, dass wir früher E-Mails mit den Händen auf Tastaturen getippt haben – viele von uns sogar mit einem Zwei-Finger-System – und diese Erinnerung wird uns genauso komisch erscheinen, wie die des Feuermachens vor Erfindung des Zündholzes.

Oft waren es in der Vergangenheit sogar nur singuläre Erfindungen, die sehr große Umbrüche hervorgerufen haben, wie zum Beispiel die der Dampfmaschine. In den Jahrzehnten nach dieser Erfindung wurden 90 Prozent aller Berufe vollkommen neu geordnet. Die größte Knappheit vor der Industrialisierung lag in der Erzeugung von Kraft – die vornehmlich durch Muskelkraft geleistet werden musste. Mit der Dampfmaschine wurde diese Knappheit überwunden und es ging danach um Können, Wissen und spezielle Fertigkeiten. Das zeigt, dass eine singuläre Innovation zu tiefgreifenden und signifikanten Veränderungen in Berufen, der Gesellschaft und unser aller Leben führen kann.

Sie haben sich einmal geschworen, niemals öffentliche Kursprognosen zu machen. Haben Sie sich bis heute daran gehalten?

(Lacht) Weitestgehend, ja. Wenn man Aktien- oder Währungskursen prognostizieren will, dann muss man sich bewusst sein, dass hier viel mehr Variablen und Unlogiken drinstecken als in der Prognose von mittel- bis langfristigen Technologietrends. Dort spielen persönliche, politische und häufig auch irrationale Bewertungen eine Rolle, die es praktisch unmöglich machen, valide Kursprognosen zu machen. Letztendlich halte ich weite Teile dieser Prognosen für unseriös, auch wenn ich damit womöglich einigen Bankanalysten auf die Füße treten sollte. Aber deren Erfolgsquote ist deutlich niedriger als bei uns Zukunftsforschern. Aber wahrscheinlich kann man unsere Arbeit auch nicht direkt miteinander vergleichen.

Womit wir arbeiten, sind Logiken, tiefes Verständnis für Technologie und Ökonomien, sowie Dynamik-Analysen. Wir analysieren technische Entwicklungen und suchen nach Tipping Points, also Umbruchspunkte, an denen sich große Veränderungen festmachen lassen. Beispiel Elektromobilität: Wann wird die Mehrzahl aller neuen Fahrzeuge elektrisch? Wie bei jeder Entwicklung sind die ersten Produkte noch recht teuer, noch nicht ganz ausgereift und ungenügend normiert. Es ist klar, dass sich die Käufer hier die Frage stellen: Warum sollte ich mir ein Auto kaufen, das nur halb so weit fährt, aber doppelt so teuer ist? Oder in anderen Worten allgemein gehalten: Warum sollte ich mir etwas kaufen, das sowohl teurer als auch schlechter als der Status Quo ist?

Der gesuchte Tipping Point ist dann also die Antwort auf die Frage, wann ein Elektroauto sowohl günstiger als auch leistungsfähiger sein wird, als ein Wagen mit Verbrennungsmotor. Jetzt untersuchen wir die Entwicklungsdynamiken rund um den Akku: Preisdegression, Energiedichten, Lebensdauer, Primärenergieerzeugung, Co2-Footprint, Schnellladefähigkeit et cetera und stellen fest, an welchem Punkt ein Elektrofahrzeug tatsächlich günstiger herzustellen und zu betreiben ist, als ein Verbrenner. Oder anders ausgedrückt: An welchem Punkt haben alle relevanten Aspekte bei der neueren Entwicklung die des Vorgängers überholt? Dabei beziehen wir auch ökonomische Modelle wie Skaleneffekte oder Lernkurven mit in die Prognosen ein. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, kommt binnen fünf Jahren der Punkt, dass ein E-Fahrzeuge in den meisten Anwendungen günstiger und leistungsfähiger ist, als ein vergleichbarer Verbrenner.

Zum Abschluss ein kleines Wortspiel. Ich nenne Ihnen fünf Wörter beziehungsweise Phrasen und Sie antworten kurz und knackig!

  • Künstliche Intelligenz: Das Ende der Dummheit.
    Dazu möchte ich hinzufügen: Das bezieht sich auf die Dummheit der Maschinen, nicht auf die Dummheit von Menschen. Maschinen sind bis heute noch komplett dumm und können weder lernen noch verstehen. Doch das ändert sich jetzt gewaltig.
  • Energiewende: Von der ökologischen Vernunft zur ökonomischen Notwendigkeit.
    Auch hier eine Anmerkung: Bisher haben wir oftmals erneuerbare Energien eingesetzt, um die Umwelt und das Klima zu schützen. Hier sehen wir aber auch einen Umbruch: Die Energiegewinnung mit Wind, Wasser, Sonne und anderen regenerativen Energien wird jetzt vielfach billiger als das Verbrennen von fossilen Brennstoffen.
  • Gesellschaftliche Perspektive: Die Veränderungen, die auf unsere Gesellschaft in den nächsten 600 Wochen zukommen, werden mindestens so profund wirken, wie die durch die Dampfmaschine vor rund 200 Jahren.
  • Disruption der Märkte: Betrifft jede praktisch jeden Sektor in Industrie und Dienstleistung.
    Es gibt kaum eine Industrie, die nicht disruptiert wird, die nicht sich neu erfinden muss. Ob Handel, Industrie, Banken, Produktion oder sogar die Nahrungsmittelindustrie.
  • VDI-Forum Digitalisierung: Eine wichtige Plattform, um Zukunft zu denken.

Vielen Dank, Herr Thomsen, für die interessanten Ausführungen – und Prognosen – zu den kommenden 520 (kurzen) Wochen und den spannenden Gedankengängen hinter der Zukunftsforschung. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag beim VDI-Forum und wünschen Ihnen Alles Gute!

 

Das Interview mit Lars Thomsen führte die Redaktion VDI Karlsruhe.

 

Über Lars Thomsen

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Einer der beiden eingeladenen Experten für die Herausforderungen und Chancen durch die Digitalisierung: Lars Thomsen hält im Rahmen des VDI-Forums Digitalisierung am 23. Januar 2019 einen Vortrag und gibt einen spannenden Ausblick in die nächsten 520 Wochen. (Bild: © Lars Thomsen | future matters AG)

Lars Thomsen ist ausgewiesener Experte für Zukunft der Energie, Mobilität und Künstliche Intelligenz. Er gründete bereits mit 22. Jahren seine erste Beratungsfirma, die sich mit Zukunftsstrategien und zukunftsfähigen Geschäftsmodellen für Unternehmen, Institutionen und regierungsnahe Stellen in Europa beschäftigte. 2001 gründete er die future matters AG in Zürich, in der rund ein Dutzend der progressivsten Zukunftsexperten in Europa zusammenarbeiten. Als einer der weltweit führenden Zukunftsforscher legt er besonders hohen Wert auf aktives Netzwerken, internationalen Austausch, ausgiebige Explorationen und Forschungsreisen überall auf der Welt.

 

 

(Coverbild: © dragonstock | stock.adobe.com)

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