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2030: Was die kommenden 600 Wochen bringen werden – Interview mit Lars Thomsen

Der technologische Fortschritt schreitet in einer unglaublichen Geschwindigkeit voran – doch wie ungewiss ist die Zukunft wirklich? Gerade im Hinblick auf disruptive Technologien und im Kontext der Digitalisierung lassen sich erstaunlich präzise Prognosen erstellen. Das beweist Lars Thomsen, einer der führenden Trend- und Zukunftsforscher. Umso mehr freut es den Karlsruher Bezirksverein des VDI und die Hochschule Karlsruhe, dass sie diesen hochkarätigen Experten für das VDI-Forum Digitalisierung gewinnen konnten. Im Rahmen der ersten Veranstaltung der Reihe hat die Redaktion des VDI Karlsruhe mit ihm ein zweiteiliges Interview geführt.

Zukünftige Innovationen und Zukunftsprognosen vorhersagen

Schönen guten Tag Herr Thomsen, als Trend- und Zukunftsforscher gewähren Sie Ihrem Publikum einen Blick in die „digitale Kristallkugel“. Kann man Sie selbst überhaupt noch überraschen?

Genau genommen werde ich selbst jeden Tag aufs Neue überrascht. Ich verbringe die meiste Zeit, in der ich wach bin, mit Dingen, die ich am Tag vorher noch gar nicht kannte. Wirklich wichtig ist, die Neugier aufrecht zu erhalten – und das ist wesentlich schwieriger, als viele denken. Denn je älter man wird, desto näher liegt der Gedanke: Ach, das habe ich in den vergangenen Jahrzehnten auch nie gebraucht, das werde ich auch in Zukunft nicht brauchen. Den stärksten Kontrast findet man in der Kindheit: mit fünf Jahren will man alles verstehen, fragt ganz viel nach, und lebt einfach eine natürliche Neugier aus. Es ist wirklich so, dass je älter man wird, desto schwieriger fällt es, diese Neugier auch zu erhalten.

Ich habe den großen Vorteil, dass mich ein Team von Leuten umgibt, die meine Leidenschaft für Neues teilen.

Ganz anders ist dieses typische „Stammtisch-Bild“: Wenn jemand kommt und von etwas Neuem berichten will, ist die Reaktion meist erst einmal Ablehnung. Bei meinem Team ist es andersherum, sodass uns jemand zum Beispiel darauf aufmerksam macht, wenn eine neue Methode zur Zellforschung erfunden wurde, die bisher unheilbare Krankheiten womöglich in Zukunft gut behandelbar machen würde. Dann schauen wir uns das auch ganz genau an, setzen uns damit intensiv auseinander. Wenn wir es nicht verstehen, dann gehen wir auch in den aktiven Austausch mit den Experten und fragen nach, wie es funktioniert, an welcher Stelle die Entwicklung steht, und an welcher Stelle es noch Hürden gibt, die noch überwunden werden müssen.

Letztendlich kann ich sagen, dass wirklich jeder Tag eine neue Überraschung mit sich bringt. Als Zukunftsforscher habe ich natürlich auch eine spannende Tätigkeit, die ich seit dem Studium mache und die mir seitdem auch wahnsinnig Spaß macht. Aus meiner Perspektive ist die Welt der Innovation wie eine Blumenwiese, auf der derzeit eine ganze Menge neuer Blüten entstehen.

Beim Stichwort „disruptive Technologien“ sind Sie eine weit bekannte Koryphäe und Sie sind einer der beiden Referenten bei der ersten Veranstaltung des VDI-Forums Digitalisierung. Wie kam es dazu, dass Sie diese Gelegenheit mit dem Griff zum Mikrofon persönlich ergreifen?

Ursprünglich wurde ich für die Veranstaltung nach anderen Kontakten gefragt, die vielleicht als Referent am VDI-Forum Digitalisierung teilnehmen und einen Vortrag halten würden. Meine Reaktion war, dass ich ganz gerne selbst diesen Vortrag am VDI-Forum halten würde. Wir leben in einer Zeit, in der so viel Neues erfunden werden muss und erfunden wird, und ich wollte gerne einen Überblick darüber geben, was so die Tipping Points im Zukunftsprogramm bis 2030 sind.

Ich finde es insbesondere wichtig, mich gerade mit jüngeren Menschen auszutauschen, die die Zukunft gestalten und darin leben werden. Häufig spricht man ja vor Menschen, bei denen man sich denkt, dass die das Meiste ihres Lebens eigentlich schon hinter sich haben. Das mag jetzt despektierlich klingen, aber mir geht es darum, proaktiv die Zukunft zu gestalten und Menschen für die Chancen und Optionen zu begeistern. Deshalb halte ich es für essenziell, mich gerade mit Studierenden zu unterhalten, und gerade über die Themen zu sprechen, die nicht ständig in den Medien sind, Schlagzeilen machen oder permanent in den Vordergrund der Aufmerksamkeit getragen werden. Sondern eben über die Themen, die im Hintergrund ablaufen, die uns häufig gar nicht so bewusst sind, und große Entwicklungen, die man im Zusammenhang sehen muss. Häufig achten wir viel zu wenig auf genau die Dinge, die einen großen Einfluss auf die Zukunft vor uns haben.

Geben Sie uns vielleicht einen kleinen Vorgeschmack darauf, worüber Sie bei Ihrem Vortrag sprechen werden?

Ein großes Thema beim VDI-Forum Digitalisierung wird definitiv die Zukunft der Arbeit sein. Wie und wo verändern Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Arbeit von Menschen? Wie sieht unser Arbeitsplatz der Zukunft aus? Wie verändern sich die Berufe und Tätigkeiten bis 2030? Werden wir bis dahin tatsächlich noch mit Laptop oder Computer, wie wir sie heute kennen, am Schreibtisch sitzen? Oder wird Arbeit für viele von uns ganz anders aussehen? Was ist der Ablauf an einem typischen Arbeitstag? Wie viele unserer Routinetätigkeiten wird durch „Künstliche Intelligenz“ erledigt? Unsere Prognosen basieren dabei sowohl auf der Analyse der Dynamik der Innovation als auch ökonomischen Logiken.

Künstliche Intelligenz ist eines der „Hot Topics“. Warum ist dies so?

Ja, über Künstliche Intelligenz wird gerade viel geredet. Dazu eine einfache Prognose: Jeder Mensch, der heute ein Smartphone hat wird 2025 einen persönlichen Assistenten haben, welcher große Teile des Alltags und der Routinen organisiert. Also im Endeffekt „jemand“, der sich um alles Mögliche kümmert, ob es nun um Terminkoordination, E-Mails lesen und beantworten, die Steuererklärung oder was auch immer geht. Also letztendlich eine echte Erleichterung, die das Leben allgemein angenehmer macht. Es geht aber noch weiter: Wenn man zum Beispiel nach einem Vorstellungsgespräch auf der Rückfahrt seinen persönlichen Assistenten fragt, à la „wie war ich so, was meinst du?“ dann erhält man auch eine konstruktive Antwort mit hilfreichen Hinweisen. Da könnte die Antwort lauten: „Ja, das war schon ganz gut, aber es gibt schon zwei, drei Punkte, an denen du dich noch verbessern kannst. Beispielsweise, dass du ein bisschen mehr zuhörst, was dein Gegenüber eigentlich genau will, und dann direkt darauf eingehen.“ Wir haben also sogar einen Coach, der uns ermöglicht, jeden Tag besser zu werden.

Ein persönlicher Assistent würde nicht nur im beruflichen Alltag eine Menge Erleichterungen mit sich bringen. Wie darf man sich das auf der privaten Ebene vorstellen?

Natürlich, das gleiche Prinzip ist auch in einer persönlichen Richtung denkbar, so wie ein echter Freund oder enger Vertrauter. Da kann es um Differenzen in der Beziehung gehen, und man erhält Anhaltspunkte, woran es zum Beispiel liegen kann, dass man öfters streitet. Man wird auf bestimmte Muster hingewiesen, oder erhält Feedback, dass man mit diesen Problemen nicht alleine damit ist. Ganz generell können wir aber auch davon ausgehen, dass das Lernen und Weiterkommen allgemein von diesen persönlichen Assistenten geprägt sein werden. Sie werden uns erklären, was wir nicht verstehen. Und das wird tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen, wie unser Leben funktioniert, und wie wir mit Wissen umgehen.

Dies klingt nach einer wirklichen Bereicherung im persönlichen Umfeld. Jedoch gibt es auch warnende Stimmen. Wie sehen Sie dies?

In der Tat kommen natürlich auch immer wieder Befürchtungen hoch: Dass wir zum Beispiel verdummen oder dass wir die Kontrolle über die Geschehnisse in der Welt an Maschinen verlieren. Dieser Befürchtung möchte ich ein wenig entgegen treten und betonen, dass es zukünftig nicht um das „ob“, sondern den „richtigen“ Einsatz der Technologien geht. Langfristig wird uns Technologie in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens bereichern und beflügeln, ob nun beim Lernen, in unserer Kreativität, bei unserer Neugier und auch in den meisten anderen menschlichen Fähigkeiten.

Momentan verbringen wir nach wie vor einen Großteil unserer Zeit mit immer gleichen Routinen. Ob es um die Terminplanung mit drei bis vier Leuten geht, oder nur das Lesen und Beantworten von einfachen Fragen in E-Mails. Im Zuge der immer stärkeren Künstlichen Intelligenz werden wir effektiv eine Menge Zeit sparen können, die wir wesentlich sinnvoller und für persönliche Dinge einsetzen können. Nur eine Stunde mehr, die wir täglich anstatt mit unserem PC mit unseren Kindern verbringen, macht einen enormen Unterschied.

Vielen Dank, Herr Thomsen, für die interessanten Ausführungen – und Beispielprognosen – zu Ihrer Perspektive als Zukunftsforscher und welche fundamentalen Veränderungen in den kommenden Jahren auf uns zukommen! Im zweiten Teil des Interviews geht es um weitere Beispiele und die Entwicklungen, die die Menschheit im Zuge von disruptiven Innovationen bereits hinter sich hat – und mit welcher Einstellung wir der Zukunft ganz grundsätzlich ins Auge blicken sollten.

 

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Lars Thomsen ist einer der weltweit führenden Experten der Zukunftsforschung. Bei der ersten Veranstaltung des VDI-Forums Digitalisierung ist er einer der beiden Vorträger des Tages. (Bild: © Lars Thomsen | future matters AG)

Das Interview mit Lars Thomsen führte die Redaktion VDI Karlsruhe.

 

Über Lars Thomsen

Lars Thomsen ist ausgewiesener Experte für Zukunft der Energie, Mobilität und Künstliche Intelligenz. Er gründete bereits mit 22. Jahren seine erste Beratungsfirma, die sich mit Zukunftsstrategien und zukunftsfähigen Geschäftsmodellen für Unternehmen, Institutionen und regierungsnahe Stellen in Europa beschäftigte. 2001 gründete er die future matters AG in Zürich, in der rund ein Dutzend der progressivsten Zukunftsexperten in Europa zusammenarbeiten. Als einer der weltweit führenden Zukunftsforscher legt er besonders hohen Wert auf aktives Netzwerken, internationalen Austausch, ausgiebige Explorationen und Forschungsreisen überall auf der Welt.

 

(Coverbild: © metamorworks | stock.adobe.com)

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